Hoffnungsträger im Jahrbuch 2015 der ›Tanz‹

Auszüge aus einem Artikel aus dem Jahrbuch 2015 der Tanz von Angela Reinhardt:

Tanz – Zeitschrift für Ballett, Tanz und Performance | backsteinhaus produktion | Tanztheater // Physical Theatre // Dance Theatre»Nicki Lisztas Tanz tut weh. Im ganz realen Sinne, ihre Tänzer und Darsteller werfen sich auf den Steinboden, knallen gegen Wände, hangeln über Glasscherben. In Stuttgart, wo die freie Szene trotz geduldigen Päppelns durch die Stadt regelmäßig neben Ballettkompanie und Gauthier Dance untergeht, setzt die Choreografin abseits der gewohnten Off-Locations einen echten Kontrapunkt. …

Ihre letzte Produktion spielte in einem entwohnten Mehrfamilienhaus im verrufensten Viertel der Stadt: Jede Wohnung, jeder Keller und selbst der abgewetzte Rasen bargen dunkle Geheimnisse, wie Voyeure jagte ›A Piece of Cake‹ seine Zuschauer zwei Stunden lang durch fragwürdige Einzimmerparadiese und private Wohnhöllen. Gemeinsam mit ihren Co-Regisseuren Christian Müller und/oder Isabelle von Gatterburg inszeniert Liszta das Entsetzen unter der glatten Oberfläche, sie ist Meisterin im allmählichen Enthüllen schlimmer Erinnerungen. Immer wieder ist das Kindheitstrauma ihr Thema, die Grausamkeit innerhalb der Familie. …

Das Grauen entsteht langsam, setzt sich aus Puzzleteilen nach und nach zusammen, aus sparsamen Texten, atmosphärischer Live-Musik und vorallem aus der wütenden Attacke, mit der sich ihre Tänzer auf Boden und an Wände werfen, aus der puren Wucht der Bewegung. Liszta nutzt das körperliche An-die-Grenzen-Gehen, die unmittelbare Vehemenz des Tanzes als eine unwiderlegbare Sprache. …

»Meist kommt sie ihrem Publikum bedrohlich nahe, in ›Absent‹ verfolgte einen der beißende Geruch von rohem Fleisch, in ›A Piece of Cake‹ teilt man den Kamillentee mit einer Exorzistin und stolpert durch dunkle, kalte Vorgärten. Oft genug hat man nach diesen Stücken das Gefühl, gerade nochmals entkommen zu sein.«