Portrait von Nicki Liszta in der ›Tanz‹

Wir freuen uns sehr über dieses Portrait von Angela Reinhardt, dass in der ›Tanz‹ erschienen ist!

 

»Durch eine freie Szene, die praktisch am Verstummen ist, hallen ihre Stücke wie kleine Explosionen. Gleich mit ihrem Erstling ›zwischen häuten‹ räumte Nicki Liszta 2008 den Stuttgarter Theaterpreis für die beste Tanzproduktion ab. Seitdem hält sie in der Stadt von Ballettwunder und Gauthier Dance das Fähnchen des zeitgenössischen Tanztheaters hoch, wirft Körper gegen Wände und lässt Hälse von Beinscheren zudrücken, reißt das Publikum mit rohem Fleisch oder Durch-die-Nacht-Stolpern aus seiner passiven Zuschauerhaltung. Man ist immer ein bisschen auf der Hut in diesen Stücken, zu oft passiert überraschendes, kippt Idylle in Gewalt und öffnen sich Abgründe hinter den Fassaden. Lisztas Kunst verkleinert den Abstand zwischen Künstler und Publikum, sie ersetzt ästhetisches Betrachten oder passives Hinterhergrübeln durch Situationen des Schreckens und der Distanzlosigkeit, provoziert eine körperliche Reaktion auf das Gesehene. …

Oft geht es in Lisztas Stücken um die Dynamik innerhalb einer Gruppe, einer Familie, Sekte oder, wie zuletzt, eines Wolfsrudels – um Liebesverweigerung, Missbrauch, Härte, Fanatismus oder auch Zusammenhalt: ›Mich interessiert dieser Mikrokosmos, in dem Gewalt, Machtverhältnisse und Ausschlussprozesse ablesbar sind, die man auf die Gesellschaft projizieren kann. Auch die Solidarität ist in diesem Zusammenhang für mich interessant, sie ist gerade heute ein wichtiger Aspekt in unserer immer radikalisierteren Gesellschaft.‹ Wie entsteht die abgründige Dynamik ihrer Stücke, die oft harmlos, ja fast idyllisch anfangen? ›Das liegt ein wenig daran, dass ich eigentlich immer das Bedürfnis habe, den Zuschauer erst mal zu umarmen und mitzunehmen. Natürlich ist der Bruch viel stärker, wenn man zunächst empathisch ist mit den Darstellern. Für mich ist das Wichtigste tatsächlich, den Zuschauer zu erreichen – mit was auch immer! Für mich soll Theater nicht nur so da vorne bleiben. Es gibt Leute, die zu mir kommen und sagen: Ich habe es nicht ausgehalten, es hat mich wahnsinnig gemacht. Sag ich: Ja super! Es gibt immer noch so viele Tabus in unserer Gesellschaft. Warum soll das Theater da mitmachen und immer nur auf einer rein kognitiven Ebene funktionieren? Warum kann man nicht direkt Dinge thematisieren und Ekel hervorrufen? Das ist doch auch ein Gefühl!‹«

« Angela Reinhardt, Tanz – Zeitschrift für Ballett, Tanz und Performance, Januar 2018

 

Den ganzen Artikel kann man in der Januarausgabe der ›Tanz‹ lesen oder online im Theatermagazin des Friedrich-Verlags.